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Träum weiter… Predigt im Gottesdienst der ESG am 2.Advent 2009
Jesaja 35:
Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.
Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unseres Gottes.
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zu Rache: Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
Dann werden die Lahnen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und die Ströme im dürren Lande.
Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten, nur sie werden auf ihm gehen. Auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen, sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein. Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn, Jesus Christus!
Liebe Gemeinde,
diesen Gottesdienst aus der Reihe „Träum weiter!“ über die großen Träume und die Träumenden aus der Bibel feiern wir in der Adventszeit, heute am 2.Advent, der dieses Jahr auch der Nikolaustag ist.
Die Vorweihnachtszeit, die Adventszeit ist ja die Vorbereitung auf die Ankunft Gottes in unsere Welt. Deshalb ist sie eine Zeit der Umkehr von dem, was dieser Ankunft Gottes nicht entspricht. Traditionell leben wir jetzt in einer Fastenzeit, in der wenig uns genügen soll, damit wenig von der Ankunft ablenkt. Vom Fasten im Advent ist nun allerdings wenig übrig geblieben.
Der Advent ist auch, und das trifft unsere Erfahrungen weitaus mehr, eine Zeit des Wünschens. Eine Zeit des Fastens, um größer zu denken, um von mehr zu träumen, als gerade da ist. Können wir auch so Gott empfangen?
Um einen Traum, der von beiden handelt, von der Umkehr, dem Fasten und von Wünschen soll es in dieser Predigt gehen.
Wünschen
Von Wünschen haben wir in diesem Gottesdienst schon gehört. Große Wünsche, fast schon Gewissheiten, politische Forderungen wie die von Martin Luther King klingen nach. Der Appell, nicht mit dem Wünschen aufzuhören, kommt von Xavier Naidoo.
So geballt, wie er sie vorträgt, klingt es fast schon etwas kitschig. So viel Heile Welt auf einmal. Gerade zu Weihnachten ist der Wunsch danach besonders groß. Nicht immer geht er in der Enge der Familie in Erfüllung, denn die Familie ist auch nicht mehr als die Welt im Kleinen.
Und gerade die Familie fragt uns nach unseren Wünschen. Was sagen Sie da, wenn Sie gefragt werden…? So ein Wunsch und ein Geschenk sollen ja schließlich nicht unpassend sein weder für den Schenker noch für den Beschenkten. Wem nichts einfällt, der wünscht sich oft vor allem, positiv überrascht zu werden. Doch selbst, wenn einem ein Wunsch auf dem Herzen liegt, was erlauben wir uns zu sagen? Vielleicht sage ich: eine schöne CD. Und dabei denke ich an das, was wirklich wichtig ist in unserem Zusammenleben in der kleinen und in der großen Gemeinschaft.
So gibt es leise und laut verkündete Wünsche, verzagte oder auch ruhige und mutige. Sie liegen in uns und wenn wir sie betrachten, fällt uns auf, was sich an ihnen erfüllt und was noch offen ist. Manche Dinge blühen, andere warten noch darauf.
Und Sie? Wenn Sie sich etwas wünschen dürften?
In einem Nikolauslied geht das ja so: Wenn ich schlaf, dann träume ich, jetzt bring Niklaus was für mich! Sigmund Freud hat uns damit vertraut gemacht, dass Träume geheime Wünsche aufgreifen, die in uns liegen. Träume sind etwas des Kreativsten, was Menschen hervorbringen können, so sagt hingegen eine Psychologin unserer Zeit, Ortrun Grön. Sie versteht die Bilder, die Menschen im Traum finden, als Gleichnisse, die uns einen Blick nicht nur auf unsere Wünsche, sondern auf unser Leben insgesamt, eröffnen.
Traum von Jesaja
Der Predigttext für diesen Sonntag liest sich ebenso wie ein Traum voller Wünsche: Jesajas Schriften stammen aus einem längeren Zeitraum ab dem 8. Jahrhundert vor Christus. In dieser Zeit liegen die Erfahrungen von Besatzung und Exil des Volkes Israels, also Zeiten, die von dem Traum zurückzukehren geprägt sind und schließlich auch die Erfüllung dieser Rückkehr. Unser Abschnitt, Kapitel 35, verbindet diese Themen rückblickend.
Und so malt Jesaja sein Bild, in dem er bildhaft mehr ausdrückt als er es erklären könnte: Eine trockene Wüste wird von Leben erfüllt, sie freut sich und jubelt, denn auf einmal ist sie voller wasserreicher Bäche und schöner Blumen. In dieser Fruchtbarkeit wird der lebendige Gott sichtbar, seine Herrlichkeit, sagt der Prophet Jesaja. Gottes Pracht und Glanz, die seine Schönheit bezeugen, die so lange verdunkelt und verborgen war.
Das wirkt sich auf die Menschen aus: Sie haben hier freie, heile Sinne, um Gott, ihre Umwelt und sich gegenseitig wahrnehmen zu können: ihre Gefühle, ihre Augen und Ohren sind offen, ihr Mund und der ganze Körper sind ausdrucksstark. Jemand, der lange nicht gesehen hat, die Augen des Blinden nehmen ganz neu wahr. Jemand, der lange nicht gejubelt hat, die Zunge des Stummen wird jubeln.
Menschen und Natur, alle, die trostlos, ja tot waren, blühen nun. Eine gute Verwandlung. Ein schönes Bild in der Winterzeit. Der Glutsand wird zum Binsenteich und das dürre Land zu Wasserquellen, voller roter Lilien.
Von so einem Weg träumt jemand, der lange durch die karge Wüste gezogen ist, denke ich mir. In diesem Traum wird der erste Wüstenweg von Ägypten nach Kanaan, bei weitem überboten und die Not des Exils auch. Ein breiter, offener Weg tut sich auf, auf dem die von der Leblosigkeit erlösten Menschen aus der Fremde nach Hause kommen. Sie gehen aber nicht irgendwo hin. - Erwartungsfroh und in Sicherheit gehen sie auf dem Heiligen Weg nach Jerusalem, zum Heiligtum.
Nur diejenigen, die sich hierauf vorbereitet haben, sind hier unterwegs. Keiner, der im Sinne des Tempelkultes unrein ist, geht hier, auch kein Spötter.
Dieser Wunsch bleibt auch den Menschen in Jerusalem und Juda in Zeiten nach dem Exil, in die dieser Text datiert wird. Immer wieder dorthin zu kommen, immer wieder in die Nähe Gottes zu kommen, d.h. hier nach Jerusalem zu pilgern, mögen die nachexilischen Leser aus der Diaspora mit diesem Text verbunden haben. Dieser Wunsch bleibt über die Zeiten hinweg.
Nicht nur für den König der Ehre werden die Tore weit gemacht und die Türen des Tempels hoch, so wie wir es letzten Sonntag im Ps 24 gesprochen haben. Die Straße, von der wir gerade gehört haben, ist eine andere Straße als die aus Jesaja 40 „für unseren Gott“. Auch für die Menschen, die an den Ort des Tempels kommen, am dem der König der Ehre schon ist, auch für sie entsteht ein Weg.
Dieses Bild soll Mut machen: Stärkt die zitternden Hände und die wankenden Knie. Sagt zu denen, die ängstlichen Herzens sind: Seid mutig, fürchtet euch nicht. Da ist euer Gott!
Gott wird euch retten. Angesichts eurer Feinde wird er Recht sprechen und wird euch schützen und retten. Nicht ihr sollt rächen, sondern wenn jemand rächt, dann tut das Gott.
Was Jesaja hier über Gott und die Menschen ansagt, ist nicht einfach nur ein zukünftiges Ereignis in unserer Zeit. Er spricht auch nicht einfach seinen Wunsch aus, der in seinem Herz geformt wurde. Es ist mitnichten eine Träumerei, die nichts mit dem Leben zu tun hat.
Weil Jesaja ein Prophet ist, stimmt der Vergleich mit dem Traum auch nur begrenzt. Er sieht weiter als in seine eigenen Wünsche und sein Leben, denn Propheten sehen Gottes Sicht auf die Welt. Gottes Wille ist es, dass die Welt nicht bleibt, wie sie ist, sondern dass Menschen lebendig sind, Vertrauen zu ihm fassen, so wie sie es auch füreinander brauchen.
Unsere Zukunft erscheint uns oft, wie auf einem Zeitstrahl ausgerichtet und immer weiter nach vorn getrieben. Sie ist von diesem Willen Gottes umfangen. Hierzu gehört, dass diese Zeit nicht einfach immer weiter geht, sondern dass alle, die sie jetzt gestalten, auf Gott zugehen, der Recht sprechen wird, und seine Gnade und sein Heil die Menschen spüren lassen will.
Dein Wille Gott, und dein Reich Gott mögen kommen, beten wir gleich im Vaterunser. So erwarten wir und empfangen wir Gott im Advent.
Umkehr
Jahrhunderte nach Jesaja erinnert Jesus uns an Jesajas Bilder. Er erinnert genau genommen Johannes den Täufer an Jesajas Traum. Denn die Hände und Knie von Johannes zittern ihm, er sitzt im Gefängnis.
Johannes kennen wir eigentlich als Mann der klaren, deutlichen Worte. Seine Predigten sind weniger bildrei
ch und auch weniger blumenreich als die Worte von Jesaja.
„Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ predigt er. Das Reich Gottes, oh ja, die Welt, wie Gott sie sieht, mögen seine Zuhörer denken, der Heilige Weg… die erlösten Menschen, die blühende Natur. – Aber Johannes hat einen anderen Schwerpunkt: „Träume weiter“ ist seine Devise sicher nicht.
Deutlicher als er hat keiner von Verwandlung durch die Umkehr gesprochen. Das Reich Gottes ist nahe, das heißt für Johannes: Bereitet euch vor und ändert euer Leben! Ihr Schlangenbrut, was hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem Zorn Gottes entrinnen könnt? Anscheinend sieht er noch reichlich Toren auf dem Heiligen Weg. Unvorbereitete, unverständige Menschen, nicht rein genug für den Tempel, womöglich auch nicht für die Begegnung mit Jesus.
Doch auch Johannes ging für seine Predigt an einen Bach in der Wüste. Begegnet ihm, so fordert er die Menschen auf, diesem Jesus. Die Taufe mit Wasser ist das Zeichen für eine Verwandlung. Und er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
Nun hat dieser Mann, der Unrecht beim Namen nennt, auch beim König nicht Halt gemacht. Dass Herodes die Frau seines eigenen Bruders geheiratet hat, spricht Johannes deutlich aus. Herodes sorgt dafür, dass Johannes ins Gefängnis kommt. Er hat jeden zur Ehrfurcht vor Gott ermahnt und wird durch die Mächtigen zum Schweigen gebracht.
Johannes, der Jesus als einer der ersten erkannt hat, zweifelt nun im Gefängnis an seiner Welt, an ihm und seiner Gottverbundenheit. Selbst dorthin dringen Nachrichten über das Handeln und Reden von Jesus Christus vor. Und Johannes lässt Jesus fragen: Bist du wirklich der, mit dem das Reich Gottes kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortet den Boten mit Jesaja 35: Geht zu Johannes und sagt ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Ist es jetzt wahr geworden, was Jesaja sieht: Die Herrlichkeit Gottes selbst ist jetzt da? Verstehen die Menschen Gott nun und können sie endlich auf ihn hoffen? Erleben sie sich selbst neu und fühlen sie sich lebendig? Die blinden und gelähmten Menschen, die mit Jesus sprachen, die Männer und Frauen, die Gelegenheit zu einer Begegnung mit ihm hatten, die gesegneten Kinder. Leben sie nun anders?
Er stärkt die müden Hände und macht stark die wankenden Knie.
Wer wankende Knie hat, darf sich an dem Traum von einem heiligen Weg erfrischen. Christen denken dabei an Jesus, der von sich sagt: Ich bin der Weg. Und oft ist es so, dass Menschen, die von der Art und Weise lesen, wie freundlich und heil-machend Jesus Menschen begegnet ist, ganz erlöst sind.
Der Weg, auf dem die Erlösten gehen, kann nach solcher Erfahrung in der Erinnerung immer wieder ein Ausweg werden: in Zweifeln und Krankheit entsteht ein Ausweg, in der Arbeit und im Studium entstehen Auswege, angesichts großer Veränderung, angesichts der Mächte und Gewalten unserer Zeit, so wie wir sie heute erleben.
Einige sind eingesperrt wie Johannes. Einige erleben Auswege. In dem Wegtraum wird schon etwas davon wahr, was aber einmal kein Traum bleiben wird.
So kann man das Kommen Gottes in unserer Welt erwarten.
Erhebt eure Häupter, denn euer Erlöser ist nahe, heißt der Wochenspruch dieser Woche. Daran kann man sich festhalten.
Umzukehren, wo der Weg nicht weitergeht, ist solch eine Erlösung, ganz so wie Johannes ruft. Ganz so, wie es im Labyrinth zu erfahren ist, das wir mit unserer Seminargruppe gebaut haben. Über das hinauszublicken, was auf dem kleinen Abschnitt des Weges jetzt möglich ist, gibt Kraft zum Glauben und Weitergehen.
Die tiefsten Wünsche müssen nicht dursten wie in der Wüste, sondern können Blüten bilden.
Die Botschaft von der Vergebung und von dem neuen Anfang bleibt und wird sich durchsetzen.
Also, seid mutig und fürchtet euch nicht!
Amen.
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