Predigt vom Uni-Gottesdienst 08.11.2020

Predigt von Prof. Ernstpeter Maurer,
gehalten am 08. November 2020
in der Ev. Petri-Kirche Dortmund
anlässlich des Universitätsgottesdienstes.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Gottesdienst steht im Römerbrief  8, 18 – 25.
Paulus schreibt:
18 Wir urteilen nämlich: nicht würdig sind die Leiden der jetzigen Weltzeit im Verhältnis zu dem kommenden Glanz, der an uns offenbart werden wird. 19 Denn die Sehnsucht der Schöpfung erwartet die Offenbarung der Kinder Gottes. 20 Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht freiwillig, sondern durch den Unterwerfer – auf Hoffnung hin. 21 Denn auch die Schöpfung selbst wird befreit werden von der Knechtschaft der Vernichtung zur Freiheit des Glanzes der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen: die ganze Schöpfung seufzt mit und liegt mit in Wehen bis jetzt. 23 Aber nicht allein, sondern auch wir, die wir selbst die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten die Kindschaft, die Erlösung unseres Leibes. 24 Denn wir sind auf Hoffnung gerettet, eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Wer hofft auf das, was er sieht? 25 Wenn wir aber erhoffen, was wir nicht sehen, warten wir in Geduld.

Liebe Gemeinde,
es gibt eine bezaubernde einaktige Oper von Maurice Ravel und der Dichterin Colette. Der Titel lautet entsprechend „Das Kind und die Zaubereien“, L’Enfant et les sortilèges. Der Titelheld ist ein ungezogener achtjähriger Junge mit enormer destruktiver Energie, der seine Zerstörungswut hemmungslos auslebt und sein Zimmer demoliert. Als er sich aber erschöpft in seinen Sessel fallen lassen will, rückt das Möbelstück beiseite. Auch die anderen Gegenstände wenden sich gegen das Kind, die Flamme im Kamin greift sogar an, bevor sie verlischt. Im Garten schließlich hören wir einen Baum stöhnen: „Meine Wunde … meine Wunde … die du heute meiner Seite beigebracht hast mit dem gestohlenen Messer. Noch immer blutet der Saft.“

An den stöhnenden Baum muß ich immer denken, wenn ich den Abschnitt bei Paulus lese. Nun ist im Römerbrief sicherlich keine Märchenszenerie gemeint. Aber das Bild von der seufzenden Kreatur ist doch recht gewagt, oder? Ist es nicht eine romantische oder esoterische Spinnerei, die Schöpfung personal wahrzunehmen? Es gibt Pseudo-Theorien, die in der Erde ein Lebewesen sehen, nur gehört das in den Bereich moderner oder modischer Mythologie. Angeblich soll es Pflanzen gut tun, wenn wir mit ihnen reden, aber wenn sie nach dem Gießen antworten und sich für das Wasser bedanken, wird es bedenklich. Zwischen der personalen Wirklichkeit und der übrigen Kreatur zeigt sich eine qualitative Differenz. In der Tat sollen wir nicht nur als Tiere oder gar als Dinge betrachtet werden. Daher gibt es nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die humanities, in denen Sprache eine wesentliche Rolle spielt. Quarks, Quallen und Quasare reden nicht.

Aber dieser Schnitt könnte sich als zu einfach und sogar als destruktiv erweisen. Wir sind als menschliche Personen verflochten in die Natur, nicht nur Vernunft oder Geist, sondern auch Leib. Vor allem sind wir eine Einheit von Geist und Leib. Das zeigt sich, wenn wir zur Sprache bringen wollen, wie es uns geht. Wir greifen dann zu metaphorischen Wendungen, die sich zumeist auf Dinge oder Tiere beziehen: „Mir fällt ein Stein vom Herzen“ ist das klassische Beispiel, oder ein schöneres: „Ich habe Schmetterlinge im Bauch“. In Gedichten werden Seelen-„Zustände“ als Landschaft skizziert etc. Da gibt es offenbar ein Kontinuum. Dieses Kontinuum leugnen wir allerdings, wenn wir die sprachlose Natur mit einem scharfen Schnitt von unserem sprachlichen personalen Leben abtrennen. Die Folge – oder die Strafe – ist dann eine recht farblose Sicht auf die menschlichen Individuen, die zwar alle vernünftig sind, aber auch durchsichtige Geister ohne Leib, vor allem aber: ohne Charakter. Das wäre fatal für unsere Erwartung des ewigen Lebens: lauter leiblose Seelen, die sich gar nicht voneinander unterscheiden und daher den Glanz Gottes nicht reflektieren können.

Wenn wir die Natur als Reflex unseres Innenlebens wahrnehmen, ist das sicherlich eine recht romantische Angelegenheit, aber doch ein Hinweis auf die Einheit von Geist und Leib, die in der Bibel immer schon vorausgesetzt ist. Romantiker wie Joseph von Eichendorff könnten doch den Punkt treffen! Nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Bildenden Kunst und in der Musik findet ein lebendiger Austausch statt. Gerade in der Musik fällt auf, wie physikalische Phänomene und mathematische Proportionen uns ins Herz oder an die Nieren (oder auf die Nerven) gehen. Harmonie und Rhythmus bewegen uns, vor allem im Tanz, und versetzen uns vielleicht in eine andere Wirklichkeit.

Warum sind solche Gedanken heutzutage lächerlich oder gar anrüchig? Die personale Sicht der Wirklichkeit liegt doch gerade von Paulus her nahe, aber sie paßt nicht zum modernen Weltbild. Lyrik gehört in den Feierabend, die Dämmerung breitet keine Flügel aus, und Metaphern sind uneigentliche Sprache, die man in Aussagen übersetzen kann. Natur kommt in den Blick als Bereich, den wir messen und kontrollieren können, den wir nutzen, benutzen, ausnutzen … Wir unterwerfen uns die Natur und vergessen sogar die Ur-Bedeutungen der Wörter. „Physik“ kommt von phyo, „wachsen“, „Natur“ kommt von nasci, „geboren werden“, und Materie von mater, der Mutter. So verwandeln wir die Natur wieder ins unterschiedslose Tohuwabohu, das öde und blöde Chaos im Anfang. Das ist die Knechtschaft, unter der die Schöpfung seufzt, deren destruktive Auswirkungen wir inzwischen deutlicher sehen als Paulus. Für Paulus war das vielleicht noch eine Frage der theoretischen Erkenntnis, für uns hat es dramatische und tiefgreifende Konsequenzen, weil wir Natur vor allem als Ressource sehen, die wir uns zunutze machen und ausbeuten können. Vielleicht gehören die Klimakapriolen der letzten Jahre schon zum Seufzen der Kreatur, nicht zu reden von der zukünftigen Klimakatastrophe. Insbesondere die Tornados sind vielleicht ein Phänomen des Geistes, der im Alten Testament zuweilen als Sturm verstanden wird. Aber auch für Paulus war solch eine Betrachtung der Natur bereits ein Symptom der Sünde. Denn eine Natur nach Menschenmaß ist nicht mehr durchsichtig für die glanzvolle schöpferische Kraft Gottes und folglich kein Anlaß mehr zu Dankbarkeit und Gotteslob.

Die Naturwissenschaft sieht keine scharfen Schnitte mehr zwischen unbelebter und belebter Natur – Viren sind der Übergang! – und betrachtet die Natur als einheitlichen Kosmos. Dazu gehören auch wir als menschliche Personen, genauer: als vernünftige Säugetiere. Das könnte ein Hinweis auf die ursprüngliche Einheit von Geist und Leib sein, immerhin sind wir von Erde genommen und werden wieder zu Erde. Es könnte gerade dazu anregen, den Kosmos von der menschlichen, personalen Wirklichkeit her zu sehen. Aber hier treibt die Sünde ihr Unwesen und knechtet die Vernunft, den menschlichen Geist, der nur in der einen Richtung denken kann, alle Erfahrung reduzieren will auf die Gesetze der Naturwissenschaft. Das ist nicht nur eine theoretische Reduktion, kein harmloser methodischer Atheismus, sondern eine Entleerung. So sieht es auch Paulus. Die Schöpfung ist der Sinnlosigkeit unterworfen. Daher ist die Vergänglichkeit das beherrschende Motiv, und das gilt nun auch für uns. Wenn wir in der Schöpfung nicht die kreative Kraft Gottes sehen können, sind wir eben nichts anderes als mehr oder weniger vernünftige Tiere. Es ist dann grotesk, wenn wir unser Leben um jeden Preis verlängern wollen und sogar an eine digitale Auferstehung glauben. So wird die vernünftige Erkenntnis immer unvernünftiger, sie wird grotesk, aber immer noch eine Karikatur der ursprünglichen Einheit von geschöpflicher Natur und menschlichen Personen. In alledem herrscht ein Motiv: Alles ist sinnlos, nichts hat Bedeutung, nichts hat ewigen Bestand, alles Schöne muß sterben.

Am Ende bleibt dann nur ein Seufzer ein letztes Schnaufen. Diesen Todesseufzer hören wir allerdings anders. Paulus wäre nicht Paulus, wenn er nicht an genau dieser Stelle das ohnehin schon gewagte Bild von der seufzenden Kreatur mit einem anderen Bild kontrapunktieren könnte: Das Stöhnen der geknechteten Natur und der verzweifelte Seufzer eines menschlichen  Geschöpfs, das doch letztlich nur auf den Tod hin lebt – dieses Stöhnen gehört zu den Geburtswehen der neuen Schöpfung! Es gibt keinen Übergang von der Verzweiflung zur Hoffnung, hier liegt ein Bruch, ein radikaler Wechsel der Sichtweise. Aber genau den bewirkt der Geist des Vaters, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, der Geist, den wir empfangen haben. Daher können wir in der sinnlosen, vergänglichen Natur – zu der auch wir gehören – eine tiefere Dimension entdecken. Seufzen hat mit Atmen zu tun, das gilt für den letzten Schnaufer ebenso wie für die Geburtswehen. Wenn vom Geist die Rede ist, kommt immer auch der Atem ins Spiel.

Zusammen mit der Kreatur, die durch die sündige Vernunft in die Sinnlosigkeit geworfen wurde, seufzen auch wir in uns selbst und erwarten die Kindschaft, die Erlösung unseres Leibes (v. 23). Wenig später ist davon die Rede, daß wir nicht wissen, wie wir angemessen beten sollen, aber der Geist hilft unserer Schwachheit auf mit sprachlosen Seufzern (v. 26). Wie kann unser Glaube sprachlos sein, wenn wir doch – wie Paulus – so viel zu sagen haben? Wir beten zu Gott dem Vater, wie Jesu Christus uns gelehrt hat. Wir reden von Jesus Christus, der unsere Sünde getragen hat, in dem wir gerecht vor Gott werden. Wir reden von der Sünde, von einem Verhängnis, das alle menschlichen Geschöpfe zu einem klebrigen Filz macht, aus dem wir allein durch Jesus Christus ausgelöst werden. Wir können auch sagen, daß die Sünde des menschlichen Geschöpfs die übrige Schöpfung unterwirft und in die Gefangenschaft bringt. Allerdings: Von uns selbst, von unserem Innersten reden wir nicht. Es ist vielmehr der Geist, der uns hier vertritt, bevor wir noch etwas sagen könnten. Ich erfahre mich selbst nur noch als den Seufzer, der auf Gott den Vater gerichtet ist und das als erstes Wort stammeln kann: Abba! Selbst noch diese Kindschaft liegt vor mir, nicht in mir, sie kommt auf mich zu. Also: Was mich selbst betrifft, bin ich sprachlos, es bleibt mir nur der Seufzer. Darin liegt aber schon meine Freiheit von der sündigen Wirklichkeit. Ich bin vor allem frei von der Frage nach mir selbst.

Hier fängt etwas Neues an. Diese Neugeburt ereignet sich nicht ohne die Schöpfung, die mit uns zusammen in Wehen liegt. Das Bild ist nicht zuletzt auch deshalb gewagt, weil normalerweise die Frau in Wehen liegt und ein Kind zur Welt bringt. Nun hat Paulus – das können wir mit gutem Gewissen und historisch-kritisch gesichert sagen – keine eigene Erfahrung mit Geburtswehen. (Ich auch nicht.) Daher sollten wir das Bild nicht gewaltsam auslegen. Es zielt auf die Grenzerfahrung, wo Schmerzen nicht das Ende ankündigen, sondern das neue Leben. Was wir im Glauben erfahren, umgreift auch die übrige Kreatur. Der Glaube ist eine Erfahrung, die sich so weit in unserem Innersten ereignet, daß wir selbst nur noch seufzen können. Diese Erfahrung ereignet sich aber auch außerhalb unserer selbst, sie kommt gleichsam von außen auf uns zu. Der Geist, der in uns betet, ist auch der Geist, der die gesamte Schöpfung belebt. Die Kreatur seufzt nicht nur unter der Gewalt der sündigen menschlichen Vernunft, sondern zugleich im Geist: in der Erwartung der glanzvollen Freiheit der Kinder Gottes (v. 21).

Wir haben die Erstlingsgabe des Heiligen Geistes, und so kommt es uns gar nicht überspannt vor, wenn wir uns in der Schöpfung erkennen und umgekehrt die Kreatur als Person – als seufzende Kreatur – wahrnehmen. Das mag romantisch klingen, aber dann hat Eichendorff eben theologisch recht. Wir erfahren jetzt im Fragment eine Einheit von Geist und Leib, von menschlicher und außer-menschlicher Natur, wir erfahren sie als gemeinsame Knechtschaft, aber im Geist, und also als Hinweis auf die zukünftige Vollendung. Wir erfahren sie aber schon, wenn wir unser Innerstes durch Metaphern zur Sprache bringen, die wir der außer-menschlichen Natur entlehnen. Das Innerste der Geschöpfe – auch der unbelebten, der außer-personalen Kreatur – ist der Reflex der schöpferischen Liebe Gottes. Die Wirklichkeit zerfällt nicht in Atome, wie die Physik schon längst weiß, sondern bleibt in geistreicher Bewegung. Das ist der Unterschied zwischen der vermessenen und vergewaltigten Natur und der Schöpfung, die glanzvoll, nuanciert und beziehungsreich ist wie ein Kunstwerk, darin für Gott durchsichtig wird und uns zum Gotteslob verlockt.

Was wir jetzt ansatzweise erfahren – der Reflex unseres Geistes in der Natur und die Einheit von Geist und Leib – wird im ewigen Leben universal. Vielfältige Spiegelungen machen die Schöpfung glanzvoll. Das ist eine schöne Erfahrung: Meine Erlösung ist nicht nur auf mich bezogen, sondern eine universale, eine kosmische Erlösung, die mich einbindet in eine neue Schöpfung. Ich „komme nicht in den Himmel“, sondern ein neuer Himmel und eine neue Erde umgeben mich zusammen mit allen anderen Geschöpfen. Reflexe haben mit Glanz zu tun, und die Vollendung wird darin bestehen, daß wir einander reflektieren, unsere personale Wirklichkeit in der Kreatur, in den anderen Personen, und allesamt in Gottes ewigem Leben. „Ewigkeit“ ist ein Gottesprädikat, ewiges Leben kommt allein Gott zu, aber Gott will nicht ohne uns ewig lebendig und nicht ohne uns glanzvoll sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als eine jede menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Spirituelles Leben

Regelmäßig feiern wir Gottesdienste zum Semesteranfang und zum Semesterende, Gottesdienste mit der Ev. Fachschaft oder auch Gottesdienste zu speziellen Themen.

Ergänzend dazu gibt es in jedem Semester zwei Universitätsgottesdienste in der Dortmunder Innenstadt (St. Petri-Kirche). 

Im Anschluss an die Gottesdienste der ESG ist in den Räumen der ESG Gelegenheit, noch zusammenzusitzen.

In der Regel finden die Gottesdienste in der Ev. Kirche in Eichlinghofen gegenüber der ESG-Dortmund statt. 
Gelegentlich feiern wir aber auch in der Margaretenkapelle in Barop oder unter freiem Himmel.

Ein Anspruch der ESG ist es, dass die Gottesdienste von mehreren Interessierten vorbereitet und gestaltet werden. Gerne soll auch in diesen Gottesdiensten mit neuen Formen experimentiert werden können.
Jede/r ist zur Mitarbeit herzlich eingeladen.